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Zur Sache: Kunstakademie
etcetera press berlin, 2026
Pressetext (etcetera press berlin)
Im März 2026 erscheint der Band "Zur Sache: Kunstakademie" von der Autorin und Kunstdidaktikerin Katia Tangian. Er bewegt sich souverän im Spannungsfeld von Essay, Memoir und Polemik und unternimmt nichts Geringeres als eine Abrechnung mit dem bundesrepublikanischen mythenumrankten Kunstakademiebetrieb zwischen 1960 und 2010.
Tangians Text basiert sowohl auf ihren eigenen Erfahrungen als bildende Künstlerin als auch auf einer langjährigen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema. Die „Spielwiese Kunstakademie“ – so auch der Titel ihrer Dissertation – speist sich bis heute aus hartnäckigen Klischees vom Künstlergenie, vom Malerfürsten und von professoralen Alphatieren der Neuen Wilden.
Tangian zeichnet ein System, das von Selbstinszenierung, Machtmissbrauch und struktureller Verantwortungslosigkeit geprägt ist: Professoren, die die Akademie als Bühne für ihre Eitelkeit nutzen, Arbeiten von Studierenden willkürlich durchstreichen oder zerreißen und Lehre mit autoritärer Pose verwechseln.
Besonders eindringlich beschreibt sie die misogynen Strukturen dieses Betriebs, in dem die Frage „Können Frauen überhaupt etwas?“ latent und offen präsent ist. Tangian hat diese Haltung selbst erfahren, etwa in dem Text „Leider müssen wir Ihnen mitteilen“, in dem sie schildert, wie eine Prüfungskommission ihr nicht glauben wollte, dass die eingereichte Mappe tatsächlich von ihr stamme.
Die Texte erschienen zunächst auf Facebook und stießen dort auf enorme Resonanz. Entstanden ist daraus ein Buch, das fassungslos macht angesichts eines in Teilen entkoppelten, selbstherrlichen und didaktisch entleerten Kunstakademiebetriebs. Zugleich ist „Zur Sache: Kunstakademie“ weit mehr als eine bloße Abrechnung: Es ist ein ebenso aufklärendes, aufrüttelndes wie überraschend unterhaltsames Buch, das sich durch Klarheit, Schärfe und erzählerische Prägnanz auszeichnet.
Zur Publikation und Buchbestellung auf der Seite des Verlags www.etceterapressberlin.com unter diesem Link.

Als Buch-Appetizer ein Akademie-Statement von Gerhard Richter (von 1961 bis 1964 Student, von 1971 bis 1993 Professor an der Kunstakademie Düsseldorf), eins der vielen Künstlerzitate aus dem Buch:
„Wir haben mehr als ein Dutzend (...) [Kunst-] ‚Hochschulen’ in der Bundesrepublik, an denen die schlechtesten aller Künstler als Parasiten hausen und ihr Beisammensein zu einem System von Unzucht und Langweiligkeit aufblasen. Diese sogenannten Künstler, die sich nicht das Salz in der Suppe verdienen könnten, werden dort zu Professoren ernannt, also mit Prestige, Geld und Ateliers ausgestattet. Sie können dort nicht nur ihren Schwachsinn kultivieren und verbreiten, um die Studenten damit zu besudeln. Sie sind auch in der Lage, alles daran zu setzen, daß jeder Student und jeder neu zu berufende Kollege unter ihrem Tiefst-Niveau bleibt, damit sie selbst ungefährdet in ihrem trüben Mief bestehen bleiben können.“
Richter, Gerhard: Notizen, 1983. In: Dillemuth [Hrsg.], Akademie. Anläßlich der Sommerakademie im Münchener Kunstverein, permanent press – Verlag, München 1995, S. 160-161

Was nicht mehr in das Buch hineingepasst hat: Bonus-Material
Die im Buch veröffentlichten Akademie-Texte hatte ich ursprünglich an 14 Tagen in Folge auf Facebook gepostet. Die Diskussion, die diese in meiner kunstaffinen Bubble ausgelöst haben, hätten ein eigenes Buches gefüllt. Ein paar dieser Friends-Kommentare wurden mit dem Einverständnis ihrer Autoren im Buch veröffenlicht, jedoch bei weitem nicht alle. Hier eine erweiterte Auswahl aus insgesamt über 1000 Beiträgen:
Martin Konietschke, Bildhauer, Maler, Zeichner
Oh, der Richter spricht mir in großen Teilen aus der Seele. Besonders der Schluss, den ich fast identisch strukturiert immer wieder wie ein Mantra heruntergebeten, wo es um die Struktur eines Niedergangs geht: Schlechte Künstler-Professoren verhindern tunlichst die Berufung von Kollegen, die wissen, was sie tun und ihre Arbeit beherrschen und – Gott bewahre – womöglich ihr Wissen an eine jüngere Generation weitergeben möchten.
Andreas Pflüger, Schriftsteller
Jemand, der sich selbst als Genie bezeichnet, ist ganz sicher keins.
Melanie Tilkov, freischaffende Künstlerin
Mir fällt es sehr schwer, mich durch diese Zitatensammlung, getränkt von fragiler Männlichkeit und auf der anderen Seite Borniertheit und Arroganz, zu lesen. Ganz bestimmt ist das mancherorts so. Wie hält man das als Student:in aus? Und wo nehmen diese Herren diese Unverschämtheit, und auch diese Verblödung, her? Warum gibt es da keine Korrektur?
Regt mich das auf!
Sandra von Siebenthal, Kreative und Philosophin
Ich kenne ja das akademische Leben aus verschiedenen Perspektiven und relativ gut, wie ich mal behaupten möchte. Was du hier beschreibst, ist leider keine Besonderheit im Kunstbereich, das findet man so in anderen Bereichen ebenso. Muster hätte ich viele, selbst erlebt und als Zeugin. Universitäten sind Selbstprofilierungsinstitutionen von Professoren. Es gibt Ausnahmen, wunderbare Menschen und Mentoren, aber sie sind leider nicht die Regel.
Jörn Peter Budesheim, Zeichner
Ich habe in Kassel studiert, wir hatten einmal in der Woche eine Korrektursitzung, das war allerdings nur ein freies Gespräch aller Studenten zu allen Arbeiten, zu der sich der Prof gesellte und auch seinen Senf dazu gab.
Das Konkurrenzdenken in unserer Klasse war ziemlich überschaubar, am liebsten haben wir zusammen Mittag gegessen oder gegrillt, diskutiert und natürlich gerne mal einen getrunken. Dass wir im Prinzip alle machen konnten, wozu wir Lust hatten, fand ich eigentlich klasse und ich denke die anderen auch.
Aber es stimmt: gelernt hat man nur, was man sich selbst in der Klasse selbst beigebracht hat. Berühmt geworden von uns ist niemand, aber etliche sind bei der Kunst geblieben, das rechne ich als Erfolg.
Melanie Tilkov, freischaffende Künstlerin
1. Beruf: Krankenschwester (hat nicht gepasst, aus unterschiedlichen Gründen, aber ich habe viel gelernt … mit Menschen umzugehen (ja, die interessieren mich auch sehr) und Anatomie, was später wichtig wurde. Auch Disziplin, Ordnung, Planung: siehe: später
2. Beruf: Mutter … hat mir fast alles beigebracht, was noch fehlte (Ordnung, Planung usw., konnte ich nun gut brauchen)
3. Beruf: Selbstständige Hundetrimmerin … seitdem kann ich mit fast allem umgehen und: Klarheit, Konsequenz noch einmal mehr erprobt
4. Beruf Künstlerin, hab mich im Studium endlich am richtigen Platz gefühlt. Tolle Besprechungen, tolle Dozenten und sehr klassische Ausbildung, ganz anders als Du es in Düsseldorf erlebt hast.
Da ich figurativ arbeite, kam mir meine Kenntnis über den menschlichen Körper sehr zugute, s.o.
Es war gut, dass ich nicht mehr sooo jung war, sonst hätte mich die Kritik umgehauen.
5. Lehrkraft im Gymnasium, Dozentin an einer Kunstschule und Dozentin für Abiturthemen an meiner Akademie: Alles, was ich vorher gelernt hatte, konnte ich dort anwenden.
Johanna Hansen, Autorin, Künstlerin, Herausgeberin
Ich kann es nicht mehr hören! Was mich viel mehr als diese dumme Arroganz interessieren würde: wie sieht es inzwischen aus mit Professorinnen an der Akademie und wenn es dort welche gibt, haben sie das Bild der Akademien verändert?
Johanna Hansen meine Erfahrung im Kunstbetrieb hat leider gezeigt: Frauen unterstützen andere Frauen seltenst. Sie sind zu froh, in dieser männlich dominierten Nische Fuß gefasst zu haben, da wollen sie ihre Position nicht gefährden, indem sie einen "Damenkreis" anstoßen. Traurig. Umso mehr schätze ich dein Engagement für Künstlerinnen und Autorinnen, Johanna, das ist absolut nicht selbstverständlich.
Katia Tangian das habe ich auch in der Literaturwissenschaft erfahren müssen. Ich glaube, das ist ein Hauptpunkt für die Schwierigkeit einer wirklichen Gleichberechtigung generell.
Detlef Kellermann, Künstler
War es nicht Dali, der sagte, dass Frauen keine Künstler sein könnten, weil das "Kunsthormon" in den Hoden produziert würde...:0) In den frühen Achtzigern war ich mal zu Gast in einer Künstlergruppe, die diskutierten tatsächlich diese absurde "These". Denn immerhin hat das ja der große Dali gesagt, dann kann es ja nicht so ganz verkehrt sein ...Ich bin dann kommentarlos gegangen.)
Jörn Peter Budesheim, Zeichner
Baselitz: "Frauen malen nicht so gut." (Ich hab gerade noch mal recherchiert, hat er wohl wirklich gesagt.)
Martin Konietschke, Bildhauer, Maler, Zeichner
Reuter war ein guter Professor. Ich war oft bei seinen Klassenbesprechungen und habe zugehört. Ein kluger Mann, der sein großes Wissen rhetorisch brillant gerne weitergab. Seine Malerei interessierte mich nicht. Ein Leben lang Kacheln malen, das war mir zu doof. Zumal er mir einmal sagte, er sehne sich nach der fetten Aktmalerei seiner frühen Jahre, wäre aber mit den Kacheln etabliert und könne jetzt nicht mehr das Sujet wechseln. Was für eine Armut, seine ablaufende Lebenszeit mit einer Sache zu verbringen, mit der man schon lange nichts mehr zu tun hat.
Ich selbst war meine letzten 4 Semester in der Klasse von Günter Dollhopf, nebenan. Einem leidenschaftlichen Kunsterzieher und ebensolchem Künstler. Auch er ein Meister der Sprache und echter Könner seines Metiers. Ich war der erste Student, der sofort die Klasse wechselte, als die Möglichkeit freigegeben wurde, auch bei den Kunsterziehern freie Kunst zu studieren.
Ich fand, die waren fast allesamt besser als die Freien. Denn sie hatten einen soliden theoretischen Hintergrund, weil sie zwangsläufig Bücher lasen, was den Freien zu großen Teilen abging. Für mich unvorstellbar! Zudem hatten Professoren wie Lehrbeauftragte wirklich etwas zu vermitteln und wollten das auch. O Wunder. Es war meine schönste Zeit an der Akademie. Allerdings durfte mein Name in meiner alten Klasse nicht mehr genannt werden, weil ich gerade den Klassenpreis bekommen hatte, um dann sofort die Bildhauerklasse in Richtung freie Grafik zu verlassen. Fahnenflucht!!!
Doch hatte ich ohnehin seit dem 2. Semester stets ein eigenes Atelier, was mir große Unabhängigkeit verschaffte.
Manuela Bibrach, Autorin
Spektakulär. Ich frage mich gerade, wie es um Literaturinstitute steht.
Stefanie Thaben, Pädagogin und Autorin
Ich wollte eigentlich an die Aka in München, hatte mich für die Marionnettenklasse beworben. Wie es der Zufall wollte, hatte der Professor sich just in dem Jahr Freisemester (Forschungssemester) genommen, in dem ich mich nach meiner Keramikerlehre beworben hatte. Und? Ich bin froh darüber. Deshalb habe ich Germanistik studiert und durfte als Keramikerin Töpferkurse an der Uni geben. Im Kunststudium habe ich versucht, möglichst nichts zu vergessen, was mir mein Lehrer beigebracht hatte. Und dann habe ich mich lieber für Kunstgeschichte eingeschrieben und das war gut so.
Profitieren kann ich bis heute vor allen von meiner Handwerksausbildung. Das verlernt man nie. Ein Hoch auf das Können.
Jörn Peter Budesheim, Zeichner
Meine Erfahrungen als Erstsemester in den sehr frühen 80er Jahren in der Kunsthochschule Kassel waren etwas anders. Dort wurde durchaus handwerkliches Können gelehrt. Es gab Portraitzeichenkurse, Aktzeichenkurse – man konnte sogar Schraffieren auf die verschiedensten Arten und Weisen lernen :-) Allerdings war es genau das, was mich am Anfang des Studiums extrem irritiert hatte, denn ich war davon ausgegangen, dass die Fähigkeiten, die man dort erwerben konnte, eine Voraussetzung für die Zulassung zum Studium waren :-) Das hat mich am Anfang sogar in eine gewisse Depression versetzt, ich hatte das Gefühl am falschen Ort zu sein.
Ich war eigentlich erst glücklich, nachdem ich eine Klasse gefunden hatte, an der nichts mehr (in dieser Hinsicht) gelehrt wurde und ich frei zusammen mit den anderen Studentinnen und Studenten arbeiten konnte.
Sonja Thauerböck, Stadtführerin und Reiseleiterin
Unfassbar, wie abfällig sich die Herren Professoren über Studierende äußern!
Katja Hübbers, Didaktikerin
Mir hat jemand erzählt, welcher bei einer Mappenauswahl dabei sein durfte, dass ein Professor auf bestimmte Mappen nur mit dem Finger gezeigt hat und diese wurden dann genommen. Er hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, überhaupt in die Mappen reinzuschauen. Das ist wirklich nicht erfunden und so mies.
Dagmar Lichtinghagen, Künstlerin
"Wenn alle sagen, Kind, du bist ja so begabt, vergessen Sie's, wenn Ihre ganze Familie die Hände über dem Kopf zusammen schlägt und fragt, was das denn soll, dann sind Sie auf dem richtigen Weg." (Ratschlag eines Professors in Essen, 80er Jahre)
Jörn Peter Budesheim, Zeichner
Ich hab auch schon folgendes vor ein paar Jahren gehört: Jemand wurde nicht genommen, weil die Mappe zu gut war! Warum? Die Person ist dann nicht mehr formbar!
Gabriele Kögl, Autorin
Auf der Filmakademie in Wien ist einmal so ein Hüne zur Aufnahmeprüfung erschienen, in einem schwarzen Ledermantel mit derben Lederstiefeln und mit einschlägigem Schnurrbart und jener Frisur, die leider wieder modern geworden ist. Ein Professor hat gesagt: "Den nehmen wir. Möglicherweise ersparen wir der Welt dadurch viel Leid!" Auch ein Kriterium für eine Aufnahme ...
Monika Urban, Malerin, Kunstlehrerin und -therapeutin
Wo hast du nur diese Power her? Liebe Katia, meine Hochachtung. Fordernder Job, Kinder, Mann, Kunst, Literaturbetrieb etc., etc., und dann noch solche soziokulturellen Themen hier ins Rollen bringen, die es gewaltig in sich haben. Danke dir, sind die spannendsten Beiträge!
Marion Molitor, Kunsttherapeutin
Sehr spannend! Und was bin ich froh, mich doch gegen das Kunststudium entschieden zu haben. Alle Achtung, dass du daran nicht zerbrochen bist, ich hätte es nicht geschafft. Und ein kleiner Schmunzler bleibt noch, wenn man an den heutigen Sprachgebrauch denkt: du sprichst immer von deiner "Diss"...
Johanna Hansen, Autorin, Künstlerin, Herausgeberin
Toll, dass du dieses brisante Thema bearbeitet hast. Bin sehr begeistert.
Ingrid Wort, Lehrerin
Hattest du damals keine Angst, ne Klage Richtung Verleumdung an den Hals zu bekommen? Ist ja so ne Sache mit Zitaten, da kann man sich doch schnell rausreden mit "Habe ich nie so gesagt ...etc." Sehr dünnes Eis, oder?
Ingrid Wort alles nur gedruckte Zitate, daher die Quellenangaben. Was hätte ich noch alles aus eigenem Erleben an der Akademie zitieren können! Aber dafür war es eben eine wissenschaftliche Arbeit: quellenbasiert und kein anekdotischer Erfahrungsbericht.
Elke Bludau, Lyrikerin und Fotografin
ich kann mich nur wiederholen. gefühlt berge von mappen, malen und zeichnen ins leere, mürrische männer, die unwillig über die sachen huschten mit ihrem destruktiven gebrummel. mappenallergie. an der fh ddorf meinen platz gefunden, dort künstlerischen freiraum erlebt. später selber mappen von jugendlichen betreut und BEGLEITET. ich mag die freiheit, und dass man sich selber mit viel arbeit im tun vortasten und entfalten muss ist klar, das macht niemand für dich. aber wohlwollende begleitung im hintergrund hat noch keiner/keinem geschadet.
Julia Pabst, Lehrerin und Künstlerin
Ich erinnere mich vor allem an den einen Ratschlag, den mein - ebenfalls sehr namhafter - Professor uns weiblichen, wohlgemerkt von ihm handverlesenen, Studenten zu geben pflegte: „Heiraten Sie doch einen Zahnarzt“.
Johanna Hansen, Autorin, Künstlerin, Herausgeberin
Ich hab mich so gut wie nie wie ein "Fisch im Wasser gefühlt", dabei bin ich im Sternzeichen Fische geboren. Es hat sehr lange gedauert, bis ich mich daran gewöhnt habe, die zu sein, die eben nicht dazugehört. Wer nicht dazugehört, ist wohl am ehesten bei sich selbst.
Ilse Kilic, Schriftstellerin
ich glaube, es liegt daran, ob man mitmenschen findet, die auch ein "nicht fisch im wasser sein" leben. und das sind ja eigentlich dann doch viele. vielleicht haben ja alle das gefühl, keine fischlein zu sein, sondern – beispielsweise – seepferdchen oder medusen? ich meine jetzt so am abend oder nachts, im morgengrauen, wenn die selbstzweifel saison haben?
ich war immer vermutlich ein wenig seltsam, ich bin gar nicht sicher, ob man das von außen immer bemerkt hat, also jetzt von meiner operationsnarbe im gesicht abgesehen. berufswahl, naja, ich hatte eine menge an nebenjobs, die mir verdeutlichten, welch ungeheures glück es für mich wäre, als schriftstellerin zu leben und nicht zb. als erntearbeiterin auf dauer (eine weile kann man das natürlich machen und irgendwie war es einfach so, dass viele meiner freundInnen sowas machten, von putzen bis lagerarbeit oder weinlese oder taxilenken). später machte ich mit meinem partner (er ist auch schriftsteller und zeichner) aus, dass wir abwechselnd jobben gehen müssen, so war das auch, immer 5 jahre ich, dann er, dann ich, dann er. und dazwischen glücklicherweise stipendien und dergleichen.
Klaus Reichert, Künstler
Katia Tangian Deine Posts begeistern mich von Tag zu Tag mehr. Ich würde dich gerne in den Arm nehmen und dann versuchen, dich wachzurütteln! Erfolgreiche zeitgenössische Kunst ist die Königsdisziplin des Betruges. Was für mich kein Problem ist, weil in der Regel reiche Menschen sich mit Kunst gegenseitig bescheißen. Ich stamme aus einer Unterschichtfamilie (mein Vater war Metzger). Er hat seine Kunden mit einem freundlichen „Darf es ein bisschen mehr sein“ um den Finger gewickelt. Er war ein einfacher Mann, aber clever und verkaufstüchtig. Auch in der Kunst sind die guten Verkäufer und Märchenerzähler (Meese) klar im Vorteil.
Vielleicht sind BWLer ja die erfolgreicheren Künstler, natürlich nur, wenn man Erfolg in Aufmerksamkeit und Verkaufserfolgen bemisst. Auf der anderen Seite, wenn du BWL studiert hättest, würdest du nicht so schöne Posts schreiben.
Beate Ummenhofer, freie Künstlerin
Als Autodidaktin wurde man schon in sehr jungen Jahren herablassend von den sogenannten Kunststudenten ausgeschlossen. Erst als ich einmal mit einem Professor ausging, rückte ich in deren Fokus, plötzlich war ich gefragt :-), ha ha ha. Ging natürlich nicht drauf ein. Der Prof kommentierte damals nur, ich sei Perlen für die Sä.....
Der Kontakt zu ihm blieb viele Jahre bestehen...
Inzwischen arbeite ich interdisziplinär... Mit Menschen <3
Peter Dieng, Journalist
Ja, es stimmt, es betrifft auch andere Berufsgruppen und der Soziologe Michael Hartmann vertritt ja auch hartnäckig die These, dass sich Kinder aus bildungsfernen Schichten mit dem gesellschaftlichen Aufstieg vor allem deswegen so schwer tun, weil sie nicht wissen, wie man sich in Chefetagen verhält, sich nicht daran gewöhnen, während ihre Kollegen aus dem gehobenen Bürgertum sich fühlen wie ein Fisch im Wasser.
Neulich war ich in einem Gerichtsprozess, bei dem in den hinteren Bänken Studenten einer Medienuniversität im Fach Wirtschaftspsychologie saßen, die hatten die Aufgabe, die Mimik der Angeklagten zu studieren. Gute Idee, dachte ich. Noch spannender wäre es aber, die Mimik von Anwälten, Staatsanwälten und Richtern zu beobachten. Nicht nur die Juristenrobe, auch die Mimik zählt zum Habitus der Juristen, meist ein undurchschaubarer Schlaftablettenblick, zumindest bei den Beisitzern. Dann die Tonlage beim Reden: Ein Singsang, der mich an Priester erinnert und wohl Autorität ausstrahlen und Unsicherheit überspielen soll (…).
Am LG Köln läuft gerade eine Ausstellung über das Rechtssystem in Polen und die Angriffe auf die Rechtsstaatlichkeit in der Ära der PiS-Regierung. Richtern war in Polen wohl empfohlen worden per Anordnung, sich nicht beim Einkaufen in aller Öffentlichkeit oder öffentlich bei der Gartenarbeit sehen zu lassen. Das untergrabe die Autorität. Gartenarbeit passt nicht zum Habitus. Heute habe ich in Köln-Lindenthal eine LG-Richterin auf dem Lastenfahrrad gesehen und dachte: schau an, auch Richterinnen strampeln sich ab. Das ist die neue Richtergeneration.
Thaddäus Hüppi, bildender Künstler
Meine Erfahrung als Studierender und Lehrender war die, dass Kolleginnen oder Kollegen, die eine berufliche Ausbildung absolvierten, zielorientierter das Studium angehen konnten. Als gelernter Tischler habe ich, wie Du so schön beschreibst, natürlich auch das Fluchen gelernt :-) So wird ein solches Kunst Studium also nicht nur im Kopfe angegangen, sondern auch formal sehr praktisch. Dies hatte mich bei den Kolleginnen und Kollegen meiner Eltern aus der Schweiz immer sehr beeindruckt. Diese Weltruhmkünstler hatten alle eine praktische Ausbildung hinter sich. So auch mein Vater als Silberschmied ... Dies verhindert vielleicht auch einen Größenwahn den Akademiker gerne pflegen wollen würden?
Johanna Hansen, Autorin, Künstlerin, Herausgeberin
Bin ich froh, nicht dort gewesen zu sein! Dein schonungsloser Bericht zeigt das Gegenteil von dem, was ich mir erträumt hätte. Kein Wunder, dass viele auf dem Weg zum Ruhm ausscherten, scheiterten oder sich in gnadenloser Konkurrenz verstrickten.
Susan Madsen, Fotografin und Studentin
Ich habe derartige Erfahrungen nie gemacht. Ich studiere an der Kunsthochschule Weißensee, Berlin, seit 14 Semestern Freie Kunst, Bildhauerei. Aufgrund Erkrankung so lange. Ich werde mit 60 Jahren in diesem Jahr die Diplomprüfung ablegen. Erfahren habe ich, seitens Lehrkräfte, Professoren und organisatorischen Kräften, nur Unterstützung, Zuspruch und respektvolle Kommunikation. Ohne diese Schule würde ich nicht fotografieren und schreiben.
Susan Madsen das klingt sehr schön und ermutigend.
Peter Dieng, Journalist
Toxisches Vakuum – kann ich mir gut vorstellen, obwohl man ja immer denkt: Die Künstler, die Künstler, das sind alles nette Menschen, lauter Humanisten und so, denken an sich selbst zuletzt. Dass Klassenkameraden sich gegenseitig sabotieren, das ist das Letzte. Ist übrigens auch unter Jurastudenten ein beliebter Sport (Entscheidende Bücher in der Bibliothek verstecken bei Hausarbeiten, Schlüsselaufsätze aus Zeitschriftenbänden rausreißen). Bin gespannt, was Du noch so berichten wirst aus dem Akademie-Leben. Die Drogengeschichten aus Düsseldorf kennt man ja schon – die standen vor 20 Jahren in der Zeitung. Was es alles gibt ...
Angelika Oft-Roy, Pädagogin und Künstlerin
Oh Hilfe! Und das Schlimmste ist doch wirklich, dass da niemand drüber spricht.
Auch ein #metoo irgendwie, denn diese jungen Menschen, die sich über Jahre beworben haben und dann endlich genommen werden, denken ja nun wirklich, dass sie die Olympiade gewonnen haben.
Und ein Heer schweigender Leidtragender ist Meilen von jeder Revolution entfernt.
Tim Weiffenbach, Illustrator; Professor für Illustration und Animation
In meinem Studium war es nicht unähnlich, aber doch mit mehr Substanz erfüllt (Design). Heute bin ich froh, dass es, obwohl deutlich verschulter, an meiner Hochschule anders abläuft. Wer will, wird zugeschüttet mit Informationen und Übungen, mit Theorie und Praxis. Was zugegebenermaßen die Studierenden nicht immer zu schätzen wissen – gerne würden die mehr freie Affektgestaltung betreiben. Wie es ist, ist es falsch.
Thomas Schiela, Maler
An der Kunstakademie Münster hatten damals viele männliche Profs eine Studentin als Geliebte, nur wenige waren ne Ausnahme. Einer war Spießer oder besonders diskret, der andere war selbst für den Akademiebetrieb zu besoffen und auf anderen Substanzen. Im Wesentlichen wurde Saufen und Es-Sich-Gut-Gehen-Lassen, im Sinne von lecker essen gehen, gelehrt. Reflexion über Kunst haben wir Studenten uns zum großen Teil selbst beigebracht. Konkurrenzdenken gab es in Münster recht wenig, zumindest in meinen Augen. Vorher war ich im Basisjahr an der Gerrit Rietveld Akademie in Amsterdam. Dort war alles viel verschulter. Stundenplan von 9 bis 17 Uhr, Mo bis Fr 13 Uhr. Zu spät kommen gab Ärger, und danach hatten wir Hausaufgaben, für die wir meist bis 22 Uhr brauchten, und auch mal das Wochenende durcharbeiteten. In Münster gab es ständig Akademie Partys aus unendlich vielen Anlässen. Natürlich auch preiswerter als in Amsterdam ausgehen. Dort war alles viel strenger, das Nachtleben haben wir alle kaum gesehen. Ich war einer der wenigen, der ausging, und wenig schlief. Also war ich in beiden Städten vor allem auf Akademie Partys. Was ich aber mit den Profs, Herman Brood, hochnäsigen Düsseldorfer Profs, und Museumsdirektoren, schon damals erlebte, kann ich auch heute nicht erzählen. Zu ...
In Düsseldorf war wirklich eine sehr viel stärkere Konkurrenzsituation, wie ich erlebte, als ich zunächst versuchte von Amsterdam nach Düsseldorf zu wechseln. Da war ich in Münster besser aufgehoben, fast alle Profs kamen jede Woche einen Tag vorbei.
Till Lenecke, Comiczeichner und Illustrator
Hi liebe Katia, ich war 2011 in Kassel und hatte die Prüfung an der Akademie mit 1+ bestanden. Hatte mich dann danach für eine FH und Kommunikationsdesign entschieden. Wollte was "Ordentliches". An der FH gefiel mir, dass so viel Handwerk und fachliche Substanz beigebracht wurde. Hat mir sehr geholfen, später als selbständiger Zeichner meine Ideen zu finden. Ohne Ausbildung wäre ich niemals Illustrator geworden.
Elke Bludau, Lyrikerin und Fotografin
ich bin seit langem so was von fertig mit dem thema künstlergenius, diesen typen mit ihrem assozialen verhalten. es hat mich unnötige lebensenergie gekostet, mich als junge frau irgendwie damit arrangieren zu müssen. seitdem ganzkörperallergie. wahrhaftigkeit zählt und ein weiter geist. der rest langweilt mich. null bock auf jedwede übergriffigkeit, je weniger ego, desto besser! das problem mit männlichen künstleregos ist mir allerdings auch noch anderweitig zur genüge begegnet, z.b. am theater und im studium visuelle kommunikation.
Katja Hübbers, Didaktikerin
Mittlerweile bin ich froh, dass ich meiner Intuition getraut habe, mich nicht einmal dort zu bewerben. Das wäre absolut nichts für mich gewesen. Danke für Deine Statements! Thema Sehnsuchtsort Akademie ist abgehakt. :-)
Angelika Oft-Roy, Pädagogin und Künstlerin
Es scheint sinnvoll, neben den Kunstakademien Psychiatrien anzusiedeln…

Alle Bilder hier und in der Publikation stammen aus meinen acht Bewerbungsmappen (1996-2000) sowie meiner Studienzeit an der Kunstakademie Düsseldorf (2000-2004).






